Singt dem Herrn ein neues Lied!

Jeder Sonn- und Feiertag in unserem evangelischen Kirchenjahr hat seinen eigenen Namen und jedem ist ein Thema zugeordnet. Sicherlich können Sie mit einem Blick in den Altarraum leicht erraten, welches Thema den heutigen Sonntag mit dem Namen „Kantate“ bestimmt:

Namensgeber des heutigen Sonntags ist der Beginn des 98. Psalms, der im Lateinischen mit den Worten „Cantate Domino canticum novum“ beginnt, was übersetzt bedeutet: „Singt dem Herrn ein neues Lied“. 

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!
Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!
Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen in die Hände klatschen,
und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN.

Psalm 98


Dieser ganze Psalm ist voller Musik, voller Euphorie. Die Natur klingt und singt und so soll auch der Mensch einstimmen in diesen Lobgesang.

Bei einer Wanderung durch Feld und Wald, vorbei an summenden Bienen, zwitschernden Vögeln, an rauschenden Wäldern und plätschernden Bächen können wir das gerade erleben – alles singt, klingt, jubiliert und lädt zum Mitsingen ein.
Aber nicht immer scheint die Sonne und aus dem Rauschen des Waldes wird ein brüllender Sturm und der plätschernde Bach zum donnernden Strom.

Manchen war und ist möglicherweise gar nicht zum Jubelgesang zumute in diesen letzten Wochen mit dem Blick darauf, was gerade in unserer Welt geschieht.

So vieles ist unsicher im Blick auf die Zukunft.

Wenn Familien Angst um ihre Existenz haben müssen, wenn das Familienleben sich nur unter größten Anstrengungen organisieren lässt, wenn sich im engen Zusammenleben Konflikte verschärfen oder neu ergeben – sollen wir da noch singen? 

Wenn wir jetzt wieder Gottesdienste feiern dürfen, aber das Singen aus Sicherheitsgründen sehr eingeschränkt werden muss – sollen wir da dann überhaupt noch singen?

Der Sonntag Kantate fragt nicht nach den Umständen, er sagt einfach: „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Und wenn es ein Lied oder ein Musikstück ist, in das ich meine Ängste und Sorgen lege.

Der dazugehörige Predigttext im zweiten Buch Chronik erzählt von der Einweihung des Tempels unter König Salomo. Alle Stammesfürsten versammeln sich und alle Ältesten und die Gemeinde, so wird berichtet. Sänger und Musiker waren in großer Zahl anwesend und alle lobten und dankten „mit einer Stimme“ dem Herrn für seine Barmherzigkeit.

Zweieinhalbtausend Jahre später brachte Martin Luther die gottesdienstliche Gemeinde neu zum Singen, die in der Zeit zuvor in den Gottesdiensten lediglich stiller Beobachter und Zuhörer war. Er dichtete und komponierte die ersten evangelischen Kirchenlieder, ohne die ein heutiger Gottesdienst gar nicht mehr vorzustellen wäre. Ebensowenig wie ohne die Musik der Orgel und ohne Posaunenchor und andere Musikgruppen.

Forscher haben herausgefunden, dass nach der Probe des Mozart-Requiems bei den Sängerinnen und Sängern eines Kirchenchores mehr Antikörper im Körper vorhanden waren, als bei denen, die die Musik nur von der CD hörten.

Dabei ist es gar nicht wichtig, ob man alles „richtig“ singt oder nicht, und ob man laut in den Jubelruf oder leise in ein Klagelied mit einstimmt. Denn singen kann jeder. Und so können wir Gott begegnen und Gemeinschaft erfahren, ob im Chor, im Gottesdienst am Sonntag oder auch bei der Trauerfeier auf dem Friedhof.

Musik ist gut für Körper und Seele.

Und im Glauben kommt dem Singen und Musizieren noch eine besondere Bedeutung zu:

Der Glaube wird hörbar und Wege zu Gott und zum Glauben eröffnen sich.

Vom Kirchenvater Augustinus ist der Spruch überliefert: Wer singt, betet doppelt!

Wir singen, wenn wir dankbar und froh sind, wenn wir mit anderen feiern – und in der Musik können wir auch Not, Verzweiflung, Trauer und Klage ausdrücken.

Im Singen und Musizieren erzählen wir von der frohen Botschaft von Gottes Liebe zu uns Menschen.  Von Hoffnung gegen alle erlebte Verzweiflung. Von Freude und Dank für alles Geschenkte. Von Vertrauen und Geborgenheit in unsicheren Zeiten. Singt! – Kantate!

Amen.

Corona-Pandemie

Bis auf weiteres (Stand: März 2020) finden keine öffentlichen Veranstaltungen, Versammlungen und Gottesdienste statt. Das gleiche gilt für Gruppen und Kreise.